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 Hao Shizhai   (郝释斋)   1930 - 2014

Nein, er ist keiner der Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, für die im Shaolin-Kloster der rote Teppich ausgelegt wird und bei deren Besuch der ganze Tempel in Aufruhr gerät. Nur ein Bauer und Landarzt. Und Kungfu-Meister von Shi Yongxin, dem heutigen Abt des Shaolin-Klosters.
Die besondere Verbindung Hao Shizhais zum Shaolin-Tempel und seine Bedeutung in der jüngeren Geschichte des Klosters lassen es wert sein, einen Blick auf sein Leben zu werfen. Man wird sehen, dass es darin noch mehr zu entdecken gibt.

(1) 1986, Pagodenwald des Shaolin-Klosters  
Im Hintergrund stehend: Shi Xingzheng (links) und Hao Shizhai (rechts). Davor in "Der Knabe verehrt den Buddha"-Stellung 
(童子拜佛)  : Shi Yongwen (1. von links), Shi Yonghai (3. von links, direkt vor Shi Xingzheng), die Nonne Shi Yongmei 
(3. von rechts), Shi Yongxin (2. von rechts), Shi Deqian (?, 1. von rechts)  und ein unbekannter Schüler *


Hao Shizhai stammt aus dem Weiler Shutanggou (书堂沟) in Dajindian (大金店), einer Landgemeinde im Kreis Dengfeng, die von der chinesischen Regierung (wie das nicht weit entfernte Chenjiagou) als „Dorf der Kampfkunst“ bezeichnet wurde, da nahezu jeder erwachsene männliche Bewohner  Kampfkunst praktizierte. Die Hao-Familie verfügte über großen Landbesitz und zählte zu den wohlhabendsten Familien in Dajindian. Seit Generationen pflegte man die Kampfkunst, um Haus und Hof gegen Räuber  und andere unerwünschte Eindringlinge zu verteidigen.
Im Alter von sechs Jahren begann Hao Shizhai von seinem Vater Hao Deli (郝德立), Kungfu zu lernen, dann wurde er Schüler von Shi Yandong (释延东), dem Abt des Songshan-Qingliang-Tempels, und von dem bekannten „Volks-Kampfkunstmeister“ (民间武师) Li Gen-Sheng (李根生). Zusammen mit Chen Tianbao (陈天宝) soll er zudem bei Mei Jinxuan (梅金选), einem weiteren großen Kampfkunstmeister des Volkes gelernt haben, und es heißt, beide Meisterbrüder hätten zum Schutz von Dajindian eine „Privatmiliz“ gegründet.

Schon der Urgroßvater und der Großvater von Hao Shizhai hatten eine enge Verbindung zum Shaolin-Kloster, die mit dem jungen Shizhai natürlich fortgesetzt wurde: er lernte das Kungfu des Shaolin-Klosters von Shi Suxi  (释素喜), Shi Xingzhang (释行章) und  Shi Yongxiang (释 永祥).  

Im Alter von 19 Jahren heiratete Hao Shizhai die zwei Jahre jüngere Shi Yongfeng (释永凤). Nach dem Abschluß der Oberschule begann er als 22-Jähriger, sich zunehmend mit der Traditionellen Chinesischen Medizin zu beschäftigen. Er lernte zuerst nur im Selbststudium aus Büchern, bald wurden jedoch Li Baoshan (李保山) aus Yuxi und Bi Zizhen (毕子珍) aus Dengfeng seine Lehrer für Traditionelle Chinesische Medizin. Bi Zizhen, ein bekannter Arzt für Traditionelle Chinesische Medizin und von Kindheit an Laienbuddhist, stellte ihn seinem Meisterbruder, dem Shaolin-Mönch Shi Dechan (释德禅), vor. Bei diesem für seine Heilkunde weithin bekannten Möncharzt wie auch bei Shi Xingzhang (释行章), den er schon als Kungfu-Lehrer kannte, studierte Hao insbesondere die Medizin des Shaolin-Klosters.
In den 1960er Jahren nahm er im Shaolin-Tempel unter Shi Xingzheng (释行正) Zuflucht zu den „Drei Schätzen des Buddhismus“ und erhielt den Dharma-Namen Shi Yongzhai (释永斋). 

(2) Hao Shizhai 1976
Die Verbindung zwischen Hao Shizhai und den Shaolin-Mönchen war insbesondere in der Zeit der Kulturrevolution und dem sich ihr anschließenden Jahrzehnt für den Shaolin-Tempel von großem Nutzen. Schon nach der Landreform in China am Anfang der 1950er Jahre gab es nur noch wenig Unterstützung des Shaolin-Tempels seitens der Laienschaft, am wenigsten jedoch während der Kulturrevolution (1966 - 1976). Viele Klöster und religiöse Kulturgüter wurden zerstört, religiöse Aktivitäten waren lebensgefährlich, schnell war man als Anhänger der „Vier Alten“ (四旧 – alte Kulturen, Denkweisen, Sitten und Gewohnheiten) angeklagt und gleichzeitig verurteilt. Zu dieser Zeit kam die Hauptunterstützung des Shaolin-Klosters von Hao Shizhai und seiner Familie. Trotz starker Einschränkung der eigenen materiellen Ressourcen versorgte die Hao-Familie die alten Mönche des Tempels und förderte zur Sicherung des Fortbestands der traditionellen Shaolin-Kultur auch aktiv deren Nachfolger. Shi Dechan fand in diesen Jahren mehrmals bei den Haos Zuflucht, und Shi Suxi soll sogar mehrere Jahre bei ihnen gewohnt haben. Es war wohl Familientradition, den Shaolin-Mönchen in schweren Zeiten Unterkunft zu gewähren: schon als 1945 die japanischen Invasoren den Shaolin-Tempel besetzten, fanden 25 Shaolin-Mönche auf dem Bauernhof von Hao Deli vorübergehend eine Bleibe.

Um in der Zeit der Kulturrevolution nicht alles im Tempel der Zerstörung und dem Verfall preiszugeben, bat Shi Xingzeng die Familie Hao, zahlreiche Schätze des Shaolin Tempels aufzubewahren und zu schützen: wertvolle Bücher über Kampfkunst, medizinische Abhandlungen, Statuen von Bodhidharma und Jinnaluo, religiöse Gebrauchsgegenstände, offizielle Siegel u.a.. Trotz des damit verbundenen Risikos wurden sie von der Familie auf ihrem Grundstück versteckt und dadurch vor der Zerstörung gerettet. Hao Shizhai nutzte die Gelegenheit, vertiefte sich in die Schriften über Kampfkunst und speicherte ihre wertvollen Lehren in seinem Gedächtnis. Während er tagsüber als traditioneller Arzt arbeitete,  studierte er nachts in einem fensterlosen Raum bei Kerzenlicht die alten Bücher des Shaolin-Tempels. In der Folge wurde er weithin bekannt für sein ausgezeichnetes Gedächtnis in Bezug auf die Shaolin-Kampfkunst, und erhielt den Beinamen „Lebendes Shaolin Faustkampfbuch“  (活少林拳谱). 

Nach dem Ende der Kulturrevolution wurde der Shaolin-Tempel der Gerichtsbarkeit einer kleinen Abteilung der Kulturbehörde von Dengfeng unterstellt, religiöse Aktivitäten waren untersagt und die Mönche hatten nicht genug Mittel für ihren Lebensunterhalt. Hao Shizhai kam mehrfach mit seiner Familie und landwirtschaftlichem Gerät zum Shaolin-Kloster und half den Mönchen bei der Kultivierung des wenigen dem Tempel verbliebenen Landes, damit sie sich von dessen Erzeugnissen ernähren konnten. 
In jener Zeit begann Shi Xingzheng seinen langen Kampf um die Wiedererlangung der  Rechte des Shaolin Tempels. Dazu reiste er manchmal einmal, manchmal mehrmals im Jahr nach Beijing, um bei den zuständigen Behörden seine Petitionen einzureichen, mit Verantwortlichen zu verhandeln, Unterstützer zu treffen etc. Auch hierbei half ihm Hao Shizhai, sei es durch Übernahme der Reisekosten, sei es als Begleiter oder auch nur durch moralische Unterstützung. Diese Hilfe war angesichts der Drohungen, Erniedrigungen und Frustrationen, die Shi Xingzheng im Verlauf seiner mehr als 10 Jahre andauernden Bemühungen um die Selbstbestimmung des Shaolin-Tempels geduldig ertrug, von nicht zu unterschätzendem Wert.


(3)  Hao Shizhai, Shi Xingzheng, Shi Yongxin
  Zur Bewahrung und Weitergabe der traditionellen Kampfkunst des Shaolin-Tempels gab es einen intensiven „personellen“ Austausch: zum einen schickte Hao Shizhai seine besten Schüler zum Erlernen des Shaolin-Kungfu zu den Shaolin-Mönchen, zum anderen ließ Xingzheng viele der neu in das Shaolin-Kloster eingetretenen Novizen eine Zeit lang von Hao Shizhai in der Kampfkunst unterrichten. Hierzu gehörte auch Shi Yongxin (释永信), der 1981 zum Shaolin-Kloster kam, von Shi Xingzheng als Novize angenommen und 1999 als Nachfolger Xingzhengs zum Abt geweiht wurde. Als später in der chinesischen Öffentlichkeit vermehrt Zweifel daran geäußert wurden, dass Shi Yongxin jemals selbst Kungfu erlernt hätte, verteidigte Hao Shizhai mit Vehemenz seinen wohl prominentesten Schüler. 

Weitaus weniger bekannt, jedoch nicht minder bemerkenswert sind zwei weitere Schüler Hao Shizhais: Shi Yongmei (释永梅) und Shi Yongzhi (释永贞),  die schon in der zweiten Hälfte der 70er Jahre zum Shaolin-Tempel kamen, um dort Nonnen zu werden. Hao Shizhai traf sie vor dem Tor des Tempels und brachte sie zu Shi Xingzheng, der sie als Schülerinnen annahm. Als Frauen durften sie jedoch nicht mit den Mönchen zusammen leben, zudem waren die Lebensbedingungen im Tempel sehr schlecht. Da sie im Shaolin-Tempel nicht auf Dauer bleiben konnten, wurden sie von Hao Shizhai in seine Familie aufgenommen. Nachdem sie von ihm ausreichend Kungfu gelernt hatten, um sich notfalls selbst verteidigen zu können, zogen sie in den Chuzu-Tempel („Tempel des Ersten Patriarchen“), der oberhalb des Shaolin-Klosters auf halbem Weg zur Damo-Höhle liegt. Shi Yongmei lebt bis heute in diesem als Weltkulturerbe geschützten Tempel und ist nun dessen Äbtissin. Ihre Verbindung zur Hao-Familie blieb über die Jahrzehnte hinweg weiterhin bestehen.

(4)

Auch das Schicksal von Shi Yanfo (释延佛), eines anderen bekannten Abtes der Region, ist eng mit Hao Shizhai verknüpft,- und mit einem seiner Brüder. Der dritte ältere Bruder Hao Shizhais trat in den 50er Jahren in den Shaolin-Tempel ein, als Mönch trug er den Namen Shi Yongshan (释永山). Er lebte überwiegend im Chuzu-Tempel und verstarb 1980. An seinem Grab ließ Hao Shizhai 1984 den an einer körperlichen Behinderung leidenden Shang Lianfu den Verstorbenen bitten, ihn als Schüler anzunehmen (vermutlich mit der Zustimmung des Mönchs Shi Xingzheng). So erhielt dieser auf Umwegen die Novizenweihe und den Namen "Shi Yanfo". Mit der Unterstützung Hao Shizhais wurde Shi Yanfo in den Shaolin-Tempel aufgenommen, wo er Buddhismus und Meditation lernte, 1989 erhielt er die volle Mönchsweihe im berühmten Baima-Kloster von Luoyang. Heute ist Shi Yanfo Abt des wenige Kilometer vom Shaolin-Kloster entfernten, in malerischer Landschaft gelegenen Fawang-Tempels (法王寺) sowie fünf weiterer kleinerer Tempel.


Als im Shaolin-Kloster Shi Xingzheng erkrankte und es ihm zunehmend schwerer fiel, die zahlreichen Aufgaben zur Verwaltung und Finanzierung des Klosters zu erledigen, half Hao Shizhai seinem Meister auch hierbei. Xingzheng hingegen war in seinen letzten Jahren aufgrund der zunehmenden Einnahmen des Shaolin-Tempels in der Lage, seinem Laienschüler eine finanzielle Unterstützung zu senden. Nach Xingzhengs Tod im August 1987 und der Übernahme der Tempelleitung durch Shi Yongxin zog Hao Shizhai sich aus dem Tempel zurück.
Er blieb dem Shaolin-Tempel weiterhin freundschaftlich verbunden, widmete sich jedoch mehr seinem Hof, seiner Familie, seiner Arbeit als Arzt der Traditionellen Chinesischen Medizin und in den letzten Jahren auch der Herstellung von Kräutermedizin. Zu Hao Shizhais erfolgreichsten Schülern der Traditionellen Chinesischen Medizin zählen Chai Rentao (柴仁涛), der Leiter des im Stadtkreis von Luoyang gelegenen Volkskrankenhauses von Yichuan, und Guo Guangjun (郭光俊), der als herausragender Vertreter der Landärzte Chinas vom Ministerium für Gesundheit die Auszeichnung „Beispielhafter Landarzt der Nation“ erhielt. Unter den vielen lokalen Kungfu-Meistern, die von Hao Shizhai unterrichtet wurden, befindet sich auch Chen Tongshan (陈同山), Vater des in ganz China berühmten Martial-Arts-Filmstars Shi Xiaolong (释小龙) .

Im Alter von 84 Jahren war Hao Shizhai, dessen Name in den Ausweisdokumenten eigentlich Hao Changlu (郝长路) lautet, noch bei guter Gesundheit, stieg „leicht wie der Wind“ den Berg hoch, behandelte täglich seine Patienten mit Akupunktur und kümmerte sich mitunter auch um Belange des Shaolin-Tempels.  Am 13. März 2014 um 14:13 Uhr fand sein Leben jedoch ein überraschendes, tragisches Ende. Er wurde auf dem Weg nach Dengfeng bei einem Autounfall auf der Zhengshaoluo-Autobahn schwer verletzt und auf die Intensivstation des Volkskrankenhauses von Dengfeng gebracht; wenig später musste sein zweiter Sohn, Hao Jiantong (郝建通), seinen Tod bekannt geben.

Mit Hao Shizhai verschwand ein weiteres für die heutige Generation wichtiges Verbindungsglied zu der Zeit vor dem von Shi Yongxin geprägten modernen, reichen Shaolin-Tempel,- zu einer Zeit in der wenige Menschen um das Überleben des Shaolin-Tempels kämpften. Er gehörte zu diesen Wenigen, trug einen nicht unerheblichen Anteil am Erhalt des Shaolin-Tempels und seiner einmaligen Kultur bei. Selbst Shi Yongxin bemerkte noch zu Haos Lebzeiten: „Wenn Hao Shizhai nicht gewesen wäre, gäbe es keinen Shaolin-Tempel im modernen Sinn." (“如果没有郝释斋,就没有现代意义上的少林寺”).
Shi Yanfo, der Abt des Fawang-Klosters im Songshan, nannte Hao Shizhai in seiner Trauerrede einen „leisen und unermüdlichen alten Bodhisattva“, und Shi Yongmei, die Äbtissin des Chuzu-Tempels, war, als ich sie einen Monat nach dem Tod Hao Shizhais traf, noch in tiefer Trauer um ihren verstorbenen Meister - für sie war er wie ein Vater gewesen. Yue Xiaofeng (岳晓锋), ein weiterer bekannter Schüler Hao Shizhais, betonte, dass Hao mit seinem edlen Charakter und seiner steten Einhaltung der Regeln (eines buddhistischen Laien) ein Vorbild für viele Menschen und viele Mönche gewesen sei. Traurig schreibt er: „Ich dachte stets, dass guten Menschen eine gute Vergeltung zuteil wird und dass deshalb der alte Mann 108 Jahre leben wird.“  



Sicherlich erhält er die gute Vergeltung in anderer Form … 





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Fotos:
1 - © copyright by 中原网 网站版权所有, download von: http://zzwb.zynews.com/html/2013-11/07/content_516699.htm
* Namenszuordnung mit Hilfe von Shi Yankai 
2 und 3 - © copyright by Yue Xiaofeng (岳晓锋); download von http://blog.sina.com.cn/s/blog_4919419a0100973a.html. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Yue Xiaofeng
4 - © copyright by www.gdwh.com

Die Inhalte dieses Artikels wurden von mir nach bestem Wissen und Gewissen auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft und erstellt. Letztendlich geben sie meine Reflektion der Dinge wieder. 
Quellenangaben sind auf Anfrage hin erhältlich.
22.09.2014 - © copyright by yss 
Letzte Änderung: 18.10.2014
Urheberrechtlich geschützt 



 P.S.:  Wer hätte es vermutet? Zu dem 1982 in Dengfeng gedrehten Film „The Shaolin Tempel“, der weltweite Berühmtheit erlangte und dem Shaolin-Kloster einen enormen Zuwachs an Beachtung und Aufnahmegesuchen brachte, lieferte Hao Shizhai ebenfalls einen – wenn auch kleinen – Beitrag: ein Teil der alten Waffen, die in dem Film verwendet wurden, kamen aus seinem Haus.


Shaolin Chan-Meister Tongguang 
und seine Pagode

Pagode des Chan-Meisters Tongguang, West- und Südseite, 2011


Von einem kleinen Seitenausgang an der Ostseite des Shaolin-Klosters führt ein schmaler Weg zu den oberhalb des Klosters am Berghang liegenden Kungfu-Trainingsplätzen. Folgt man ihm, so passiert man eine bei aller Größe eher unauffällig wirkende Backsteinpagode, die etwas windschief und struppig am Hang steht. Nur selten verirrt sich ein Profi- oder Hobbyhistoriker oder ein Mönch in ihre Nähe, meist bleibt sie von den wenigen Vorbeihastenden oder Vorbeischlendernden unbemerkt und ungegrüßt.

Dabei verdient sie nicht weniger Beachtung als die Stupas des Pagodenwaldes, die zum von der UNESCO geschützen Kulturwelterbe zählen, und kann mit diesen „Antiquitäten“ durchaus mithalten. Sie ist die Pagode des Chan-Meisters Tongguang (同光禅师, 700 - 770), eines hochrangigen Mönchs des Shaolin-Klosters zur Zeit der Tang-Dynastie.
 
Informationen über das Leben dieses Shaolin-Mönchs sind rar. Eine wesentliche Quelle ist die „Pagoden-Inschrift des Chan-Meisters Tongguang“ (同光禅师塔铭), die jedoch naturgemäß weniger dem Bewahren historischer Fakten als dem Übermitteln eines idealisierten Bildes Tongguangs diente. Sie wurde von dem  Kreisvorsteher von Dengfeng namens Guo Zhuo (登封县县令郭浞), verfasst, der einer der Laienschüler Tongguangs war. Niedergeschrieben wurde sie von dem "Mönch von großer Tugendhaftigkeit" Lingxun (大德和尚灵讯).

Der Inschrift zufolge stammte Tongguang aus „Jin“ (晋- heute die Provinz Shanxi 山西) und wurde schon in jungen Jahren Novize. Eine Zeit lang lebte er von Almosengängen auf dem Taishishan(太室山). 725/26  erhielt er die Mönchsordination, und er „nahm Zuflucht“ (皈依) bei dem im Norden weit bekannten Chan-Meister Dazhao (大照).

Dazhao ist der posthume kaiserlicher Ehrentitel des Chan-Meisters Puji (普寂), der als Schüler des Chan-Meisters Shenxiu eine der Hauptpersonen war, gegen die der Mönch Shenhui seine rhetorischen Angriffe richtete, um die Anerkennung Huinengs als sechsten Chan-Patriarchen durchzusetzen.  Auf Einladung des Kaiserhauses (Xuanzong) hin war Puji 725 aus dem Songshan (wahrscheinlich aus dem Songyue-Kloster oder dem Huishan-Kloster, beide sind wenige Kilometer vom Shaolin-Kloster entfernt) in die damalige Metropole Luoyang gekommen. 

Nach dem Tod Pujis im Jahr 739 soll Tongguang eine Zeit lang in der Wildnis verbracht haben,  bis er zum Shaolin-Kloster kam. Die Pagoden-Inschrift berichtet weiterhin, dass Tongguang im Shaolin-Kloster Unterweisungen in seine Lehre gab, nennt jedoch in Bezug auf die Zeit keine genaueren Daten. Es heißt: Tongguang „legte die Bedeutung der großen Lehre dar, er öffnete die Tore der großen Lehre, mehr als 20 Jahre lang erschütterte er China wie auch das Ausland“.(*1)

Entsprechend seinem vom Shaolin-Kloster veröffentlichten Lebenslauf (*2) errichtete er 755, gemeinsam mit dem Mönch Faren (法忍) im Shaolin-Kloster eine kleine Stele mit dem Titel „Aufzeichnung über die kaiserlichen Edikte zur Rückgabe der Devaraja und Löwen an den Shaolin-Tempel“ (《敕还少林寺神王师子记》碑). Der Text dieser Stele liefert wertvolle Informationen über die Beziehung des Shaolin-Tempels zum Kaiserhaus während der Regierungszeit der Kaiserin Wu Zetian (690 - 705).
Nach dem Ausbruch der folgenreichen An-Lushan-Rebellion (安史之乱) im Dezember 755 zog sich Tongguang möglicherweise eine Zeit lang nach Jingzhou (荆州) zurück.

Seiner Pagodeninschrift zufolge verstarb der Chan-Meister 770 im Lotussitz in der Chan-Halle des Shaolin-Klosters. Von den 71 Jahren seines Lebens hatte er 45 Jahre als Mönch verbracht. Mehr als 30 seiner Schüler sollen die Erleuchtung erlangt haben.  An Schülern Tongguangs nennt die Inschrift den Shaolin-Bibliothekar Wéijì und den Shaolin-Klostervorsteher Tánzé, desweiteren als „Erben seiner Lehre“ Dàozhēn, Jiānzhào, Zhēnguān, Bǎozàng, Fǎlín, Zhìxìn, Chéngēn, Zhōngshùn, Chāoàn, Shēnxìn.

Als der wichtigste Schüler Tongguangs gilt jedoch Zhenjian (真坚, ca. 728 bis 784), ein Mönch aus Wangwu (王屋; heute: östlicher Kreis Jiyuan 济源县西)  in der Provinz Henan, der 747 die vollen Mönchgebote annahm. Zhenjian beschäftigte sich intensiv mit dem Vinaya, dem buddhistischen Regelwerk, und verfasste darüber zahlreiche Schriften, die bis nach Silla (新罗) verbreitet wurden, einem Königreich im Südosten des heutigen Korea. Nach seinem Tod soll er im Tianzhu-Kloster im Luonan Longmenshan beigesetzt worden sein. Ein Zeugnis von der großen Bedeutung, die Zhenjian in der damaligen Zeit hatte, legt die Inschrift einer achteckigen Steinsäule („大唐东都弘圣寺故临坛大德真坚幢铭并序“) ab, die heute in dem zum "Institut für die Longmen-Grotten von Luoyang" (洛阳龙门石窟研究) gehörenden Museum aufbewahrt wird.



Tongguangs Schüler Tanze ließ für seinen Meister im Jahr 771 östlich des Shaolin-Klosters die bis heute existente Pagode errichten. Sie ist aus gelbem Backstein im Pavillon-Stil gebaut, ihre Höhe beträgt ca. 10 Meter. An der Südseite der Pagode befindet sich ein Türbogen von 1,87 Meter Höhe und 1,22 Meter Breite, der zu einem kleinen Innenraum führt. Er ist heute zugemauert. Das Bogenfeld oberhalb des Eingangs wie auch die Seitenbereiche sind mit in Stein gemeißelter Verzierung versehen. Dargestellt ist eine Paradiesszene: im oberen Drittel sieht man zwei fliegende Himmelsknaben (飞天童子) mit entblößten Oberkörpern und wehenden Röcken. Sie sind, einander zugewandt, links und rechts der Zentralachse der Tafel angeordnet. Unter ihnen sind zwei Gottheiten zu sehen, die auf einem Teppich tanzen, umgeben von insgesamt neun Musikern und von Vögeln, Blumen etc. Die Musiker sitzen zu beiden Seiten der Tänzer auf prachtvollen Teppichen und sind mit verschiedenen klassischen Zupf- Blas- und Schlaginstrumenten ausgestattet. Die Steinverzierung setzt sich von dem Bogenfeld aus in Fragmenten über den Türsturz sowie über die Seitenbereiche des Eingangs fort; Einhorn, Löwe, der kriegerische Halbgott Vajrapani und andere Gestalten der buddhistischen Mythologie sind hier zur Darstellung gelangt.
Die harmonische Komposition und die sichere Linienführung wie auch die sorgfältige Ausführung und die Ausdruckskraft weisen darauf hin, dass diese lebhafte „Paradiesszene“ die Steinbildhauerarbeit eines Meisters seines Faches ist. Wie die Pagode ist diese gesamte dekorative Arbeit in der Zeit der Tang-Dynastie entstanden.


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Ausschnitt Musiker links
Ausschnitt Musiker rechts









   




An der Nordseite der Pagode ist die Steintafel mit der Gedenkinschrift für Tongguang in die Pagodenwand eingelassen, in ihr ist auch das Jahr der Erbauung der Pagode festgehalten.

Während der Zeit der Kulturrevolution wurde der schlichte Innenraum  der Pagode, der einstmals  Tongguangs Überreste beherbergte und seines Gedenkens diente, zerstört. Auch wurde der Raum, aufgrund von Armut und Not,  zeitweilig  als Unterkunft genutzt. Vor einigen Jahren wurde der Zugang zum Innenraum  vermauert, wahrscheinlich um weitere Zweckentfremdung der Pagode zu verhindern. Leider ist hierbei ein Teil der tangzeitlichen Verzierung des Eingangs hinter der Vermauerung verschwunden.

Pagode des Chan-Meisters Tongguang, Ost- und Nordseite


Die Pagode Tongguangs befindet sich wenige Meter südöstlich der großen Meditationshalle des Shaolin-Tempels, nur leider „auf der falschen Seite“ der Klostermauer, nämlich außerhalb des jetzigen Klostergeländes. Im Jahr 2011 stand dort das 1200 Jahre alte Bauwerk zwischen Schuttabladeplatz, wilder Mülldeponie, Strom-Transformatoren und Baubaracken, geschützt von einem kleinen Geländer.



Die Pagode des Chanmeisters Tongguang 2011




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(*1) Die "große Lehre" ist eine Bezeichnung für den Mahajana-Buddhismus.
(*2) Artikel "同光" der homepage des Shaolin-Tempels


Die Inhalte dieses Artikels wurden von mir nach bestem Wissen und Gewissen auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft und erstellt. Letztendlich geben sie meine Reflektion der Dinge wieder. Quellenangaben zu den einzelnen Daten sind auf Anfrage hin erhältlich.

Fotos: © copyright yss
13.01.2013 - © copyright yss
Letzte Änderung: 13.02.2013


Shi Yankai 释延开

Shaolin Shi Yan Kai, 2006 (1)
 
Der Shaolin-Mönch Shi Yankai (alternativ: Shi Yan Kai) stammt aus einer traditionsreichen buddhistischen Familie, deren Wurzeln sich weit in die Vergangenheit zurückverfolgen lassen. Heute leben seine Eltern in Zhoukou in der chinesischen Provinz Henan  (周口 河南省 中国), ca. 230 km südöstlich des Shaolin-Klosters. Der Vater, im früheren Beruf Mathematik-Lehrer, ist Unternehmer, die Mutter ist Hausfrau.

Am 15. August 1981*1 wird Shi Yankai in Zhoukou geboren, sein weltlicher Name ist Miao, Senlin (苗森林). Als Kind besucht er erst die Grundschule, doch aufgrund seines ausgeprägten Interesses an der Kampfkunst und seiner sportlichen Begabung wechselt er im Alter von 11 Jahren zu einer den Shaolin-Stil lehrenden Kampfkunst-Schule, der „Shaolin wuxiao“ (少林武校), in der Stadt Pingdingshan (平顶山市). Nach deren Beendigung 1996 setzt er seine Ausbildung in der Schule eines säkulären Meisters des Shaolin-Kungfu unweit des Songshan Shaolin-Klosters (嵩山少林寺) fort.
1998 bittet der nunmehr 17-Jährige um die Aufnahme in das Shaolin-Kloster. Er interessiert sich jedoch nicht nur für die  Kampfkunst der Shaolin-Mönche, sondern auch für den Chan-Buddhismus und die weiteren Bereiche der Shaolin-Kultur. Mit der Zeit wächst in ihm der Wunsch, ein vollordinierter Mönch des Tempels zu werden, sich mit „Leib und Seele“ einzubringen. Shi Yongji (释永基), ein ruhiger und zurückhaltender Mönch des Tempels, nimmt sich seiner an, und als „einführender Meister“ ( 引荐师父) stellt er ihn Shi Yongxin (释永信) vor, der damals schon das Kloster leitet. 
1999 erhält der junge Schüler von Shi Yongxin die Tonsur, den Dharma-Namen „Shi Yankai“ und den Dharma-Titel „Fayuan“ (法缘). Er ist hocherfreut, dass der tatkräftige Führer des Shaolin-Klosters, der kurz zuvor zum Abt geweiht wurde, ihn als Novizen angenommen hat und nun sein Tonsurmeister (剃 度师) ist.

Neben weiterer Vertiefung seiner Fähigkeiten in der Shaolin-Kampfkunst ist in den folgenden Jahren die buddhistische Schulung und die Vorbereitung auf ein Leben als Mönch von vorrangiger Bedeutung. Unter der Obhut seines Meisters absolviert Shi Yankai das traditionelle „Trainingsprogramm“ eines Novizen: Teilnahme an den Zeremonien, Erlernen der Zeremonietexte, Studium grundlegender buddhistischer Sutren und Texte, Erlernen der klösterlichen Etikette und Verhaltensregeln u.v.m.  Zwei Worte kennzeichnen für ihn diese Zeit: „Lesen“ und „Verstehen“.
Ab 2001 besucht er ein Jahr lang die Schule für Buddhismus (佛教研修班) der Provinz Henan im Xiangguo-Tempel (相国寺) in Kaifeng (开封). Als Vorbereitung für die Mönchsordination erhält er im Oktober 2002 Unterricht im Luohan-Tempel (罗汉寺) in der Stadt Chongqing (重庆). Anschließend legt er in der Ordinationsversammlung der „Halle der zwei Lorbeerbäume“ im Kreis Liangping (梁平双桂堂) unter dem Ältesten Weixian (惟贤长老), das volle Mönchsgelübde ab (授三坛大戒). Shi Weixian, heute 92-jährig, ist einer der größten zeitgenössischen buddhistischen Lehrer in China  und als Spezialist für die Lehren der Yogacara-Schule (唯識宗) im ganzen Land hochgeachtet und verehrt.

Als frisch ordinierter Mönch kehrt Shi Yankai in das Shaolin-Kloster zurück. 2003 ist er dort während der ersten sechs Monate als Karmadana (维那) tätig; dabei trägt er tagein, tagaus die Verantwortung als Vorsänger in den Zeremonien. In der zweiten Jahreshälfte fungiert er als Diener des Abtes (方丈侍者). In diesem Jahr reist er zum ersten Mal in einer von dem Abt geführten Showgruppe des Klosters zur Präsentation der Shaolin-Kampfkunst in die USA.

2004 wird er erstmalig mit der Leitung einer Showtruppe beauftragt, die zu Auftritten nach Hongkong und Taiwan reist. Desweiteren ist er zuständig für die Sammlung von Spenden für Reparatur- und Aufbauarbeiten im Kloster. Neben der Arbeit vertieft er sich in das Studium der Theorien der Chan-Schule, der Kampfkultur im Chan-Buddhismus und der Geschichte der Shaolin-Kampfkünste.

In der ersten Hälfte 2005 leitet er eine Showgruppe, die als Begleitung einer Delegation der Buddhistischen Vereinigung Chinas (中国佛教协会 )  in Kalifornien/USA und in Kanada im Rahmen eines Buddhistischen Musikfestes (佛教音乐展演) auftritt.
Im Oktober 2005 wird er von Shi Yongxin nach Berlin gesandt, mit dem Auftrag, im Shaolin-Tempel Deutschland Shi Yongchuan (释永传) und die mit ihm arbeitenden Kampfmönche zu unterstützen. Er beginnt dort im November, Unterricht in Taiji zu erteilen. Am 3. Mai 2006 kommt es aufgrund von Schwierigkeiten des damaligen Finanziers zur überraschenden Schließung des Shaolin-Tempels Deutschland. Shi Yankai bleibt zusammen mit den anderen Mönchen in Berlin. Gemeinsam durchstehen sie einen ungewissen, arbeitsintensiven Sommer, erteilen ihren Schülern weiter Unterricht und arbeiten mit ihnen am Aufbau eines neuen Tempels, der am 9. September 2006 eingeweiht werden kann. Nach der Konsolidierung des Berliner Shaolin-Tempels und dem Eintreffen neuer Lehrkräfte erhört der Abt Shi Yongxin Shi Yankais wiederholte Bitte, in das Shaolin-Kloster zurückkehren zu dürfen. Am 21. Januar 2008 verläßt der Meister Berlin (und eine trauernde Schülerschar), um sich in seiner Heimat neuen Aufgaben zu widmen.

Shi Yankai zufolge hat sich während seiner Abwesenheit im  Songshan Shaolin-Kloster nicht viel verändert. Dem nach neuen Herausforderungen Suchenden wird es an Aufgaben nicht mangeln, denn weiterhin ist sehr viel Arbeit und persönliches Engagement der Mönche erforderlich, um die Entwicklung des Klosters voranzubringen. Mit welchen Aufgaben werden Shi Yongxin und die Mönchsgemeinschaft ihn in Zukunft beauftragen?

Anfänglich verrichtet er den Aufsichtsdienst in der Mahavira-Halle. 2009 wählen die Mönche des Shaolin-Klosters Shi Yankai zum „Gästebetreuer“ (知客), und der Abt bestätigt ihn in diesem Amt. Das Handy wird zu seinem wichtigstem Arbeitswerkzeug. In seiner neuen Funktion betreut er insbesondere die zahlreichen prominenten Gäste aus dem Bereichen der Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst etc., die das Kloster besichtigen. Das menschliche Spektum reicht hier vom ernsten, zurückhaltenden Landesoberhaupt bis hin zum unorthodoxen, lebhaften „Promi“ wie dem in China überaus beliebten „Magier“ Liu Qian (刘谦), der sich besonders für seine Erläuterung der Methoden der Meditation interessiert.  Meister Yankai sagt ihm: „In der heutigen Gesellschaft steigt der Stress in der Arbeit und im Leben der Menschen. Viele Menschen lernen, zu meditieren und sich so selbst auszubalancieren, um einen normalen, ruhigen Geisteszustand zu erreichen.“  (《当今社会,人们的工作和生活压力增大,许多人都想学习修炼坐禅,调整自己,以拥有一个平常、平静的心态》*2).
Fragt man Shi Yankai, ob es in dieser so vielfältigen Schar an Besuchern einen Gast gibt, den er in besonders guter Erinnerung hat, der einen besonderen Eindruck auf ihn gemacht hat, so übt er sich in Vorsicht: er möchte lieber keine Namen nennen.

Im selben Jahr nimmt er an drei größeren Auslandsreisen teil: mit dem Abt und einer Gruppe von Mönchen und Kampfmönchen besucht er im März in die USA, um in San Franzisco und Los Angeles den „Songshan Shaolin Day“ zu zelebrieren. Im Mai ist er Mitglied einer hochkarätigen Delegation, die mit dem Abt nach Paris reist, um dort bei der UNESCO auf dem „Internationalen Festival für Kulturelle Diversität“ die Shaolin-Kultur zu präsentieren. Und vom 19. bis 24. August begleitet er den Abt bei dessen Besuchsreise nach Sri Lanka.  
Neben der Arbeit für den Tempel beginnt Shi Yankai einen zweijährigen Lehrgang  in chinesischer Philosophie (宗教 哲学课程) an der „Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften“ (中国社会科学院) in Beijing.

2010 wird er mit einem besonderen Großereignis konfrontiert: vom 20. April bis 21. Mai findet im Shaolin-Kloster die zweite Ordinationsversammlung zur Weitergabe der Mönchsgebote (传授三坛大戒法会) statt, in deren Verlauf Hunderte von Ordinanden, Gästen und Besuchern betreut werden müssen. Shi Yankai stürzt sich in die Arbeit und kümmert sich auf Anweisung des Abtes hin als einer der Hauptverantwortlichen um Unterbringung, medizinische Versorgung, Information, Beratung u.v.m.
Noch vor Beendigung der Ordinationsversammlung wartet eine neue Aufgabe auf ihn: vom 18. bis zum 31. Mai übernimmt er die Leitung einer Showgruppe des Klosters, die als Begleitung einer  Regierungsdelegation nach Kamerun, Äquatorial-Guinea und in die Republik Kongo reist. Offizieller Anlass der Reise ist der 50. Jahrestag der Etablierung diplomatischer Beziehung zwischen China und diesen drei Ländern. Als Repräsentant der  chinesischen Kultur gibt die Gruppe sieben Vorstellungen in vier Städten.
Danach widmet Meister Yankai sich wieder seinen Aufgaben als Gästebetreuer im Kloster. In diesem Kontext zählt er auch zu den 10 Shaolin-Meistern, die sich um die 20 Mitglieder der Vereinigung der MBA-Absolventen der Peking-Universität (北京大学MBA校友会) kümmern, die im September 2010 einen neu eingerichteten, viertägigen Kurs absolvieren, der es ausgewählten Gruppen ermöglicht, die Shaolin-Kultur näher kennen zu lernen.

Auch das Jahr 2011 wird ein arbeitsreiches Jahr für Shi Yankai. Im Februar wird er von der Mönchsgemeinschaft zum Klostervorsteher (监院) gewählt und vom Abt bestätigt. In diesem Amt ist er nach dem Abt der Hauptverantwortliche für das Management der weltlichen Angelegenheiten des Klosters. Bei Abwesenheit des Abtes im Kloster fungiert er als dessen Vertreter bei den Amtsgeschäften, sofern diese nicht allein dem Abt vorbehalten sind. Zwei der wichtigsten Aufgaben des Jahres sind die Renovierung der Sutraspeicher-Halle (藏经阁) und die Errichtung einer modernen Bibliothek im Kloster, für die er, zusammen mit einem Mönchsbruder, verantwortlich zeichnet.
Ein Pendant zur Arbeit im Kloster bilden weitere Auslandsreisen: so leitet er ein 22-köpfiges Showteam, das vom 13. bis zum 20. Februar 2011 nach Israel fliegt. Im Rahmen der zum 19. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen der VR China und Israel initiierten Chinesischen Kulturwoche präsentiert dort die Delegation des Klosters ihre Shaolin-Kultur in Tel Aviv, Jerusalem, Beer Sheba und Carmel. Im Juni desselben Jahres übernimmt der Meister die Führung einer Showgruppe des Shaolin-Klosters, die auf Einladung des Taipei World Trade Center hin mit dem Gouverneur der chinesischen Provinz Henan und einer Besucherdelegation von 300 Leuten eine 7-tägige Besuchsreise nach Taiwan unternimmt.  

Nachdem Shi Yankai sich 2012 in der ersten Jahreshälfte überwiegend Aufgaben im Kloster und in den Zweigtempeln gewidmet hat, wird er von Shi Yongxin mit einem neuen Auslandseinsatz beauftragt. Ende Juli reist er nach Deutschland und von dort aus in mehrere europäische Länder, um das erste vom chinesischen Haupttempel veranstaltete „Europa Shaolin Kulturfestival“ vorzubereiten. Es findet in der ersten Septemberhälfte in Berlin und Wien statt, und Shi Yongxin reist mit einer großen Delegation von Mönchen und Kampfmönchen des Shaolin-Klosters sowie mit einigen chinesischen Wirtschaftsleuten und Politikern an, um daran teilzunehmen. Nach der erfolgreichen Beendigung des Festivals kehrt Shi Yankai in den Haupttempel zurück. Dort wird er mit der Organisation und Überwachung der Aufbauarbeiten des neuen "Shuiyu-Tempels" (水峪寺) beauftragt. Schon seit 2008 hatte er sporadisch bei dem 2007 begonnenen Wiederaufbau dieses unweit von Dengfeng gelegenen Zweigtempels des Shaolinklosters geholfen.



2013 ist der Meister weiterhin mit dem Aufbau des Shuiyu-Tempels sowie der Organisation und Kontrolle von Aufbauarbeiten in zwei weiteren Zweigtempeln beschäftigt. Dazwischen übernimmt er immer wieder zeitlich begrenzte organisatorische Arbeiten für das Shaolin-Kloster. Nach der offiziellen Einweihung des Shuiyu-Tempels im Juli 2013 überwacht er die Organisation des "Ersten Nordamerikanischen Shaolin-Kulturfestivals" - wie schon im Jahr zuvor jene des "Ersten Europäischen Shaolin-Kulturfestivals" gemeinsam mit Zheng Shumin und weiteren "Akteuren im Hintergrund". 

2014  Shi Yankai ist zeitweise damit beschäftigt, den auch nach der Einweihung noch erforderlichen Aufbau des Shuiyu-Tempels  voranzutreiben, desweiteren erfüllt er weitere Management- und Organisationsaufgaben für den Shaolin-Tempel. Er unternimmt  Reisen im In- und Ausland, was seiner Vorliebe für das Reisen durchaus entgegen kommt, und hält sich oft im Shaolin-Kloster auf, wo er in seinem Zimmer zahlreiche Besucher empfängt. Nachdem der chinesische Fernsehsender CCTV4 in der Reihe "Chinesische Kungfu-Meister" ein Feature über ihn mit dem Titel "Shi Yankai, Nachfolger des Shaolin-Kungfu" ("少林功夫传人释延开") ausgestrahlt hat, ist er in ganz China bekannt. Im Oktober 2014 wird er vermutlich den Abt Shi Yongxin  zum "Zweiten Europäischen Shaolin-Kulturfestivals", das in London stattfinden soll, begleiten dürfen.
  
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Neben all seiner organisatorischen und repräsentativen Arbeit für den Tempel bleibt Shi Yankai relativ wenig Zeit für das Studium buddhistischer Schriften oder das Praktizieren von Kungfu, für die Teilnahme an den Zeremonien oder die Unterweisung von Novizen des Shaolin-Tempels und eignen Schülern, die er seit der Dharma-Übertragung durch Shi Yongxin durchführen darf. Auch für die Kontemplation der Natur und für die Kalligrafie hat er immer seltener Gelegenheit. Jedoch gelingt es ihm,- seinen eigenen Angaben zufolge,- je nach Arbeitsanfall an der 49-tägigen Meditations-Klausur (禅七 chanqi), die im Winter jeden Jahres stattfindet, partiell teilzunehmen.

Shi Yankai verfügt über einen Schatz von mehr als 100 Formen des Shaolin-Kungfu, die er im Laufe seines bisherigen Lebens gelernt hat, darunter auch seltene Formen des traditionellen Shaolin-Kungfu, die nur von wenigen Meistern beherrscht werden. 2012 bemühte er sich verstärkt darum, den Schatz vom Staub der Zeit zu befreien und alle noch erinnerbaren Formen aufzufrischen. Diejenigen in der nächsten Generation von Kungfu-Schülern, die von ihm unterrichtet werden, dürfen sich glücklich schätzen, denn er verfügt nicht nur über ein reiches Wissen und Können, sondern ist auch ein guter Lehrer.



Aus all den Stationen im Leben des Shaolin-Mönchs Shi Yankai erfährt man relativ wenig über ihn selbst. Was ist er für ein Mensch? Was sind seine Stärken, was seine Schwächen? Vielleicht läßt er sich ein wenig mit seinem Kungfu charakterisieren, z.B. anhand der Kungfu-Form „Mianzhang duanda“ (棉掌短打), weisen doch schon deren vielfältige, differenzierte Bewegungen Parallelen zu seinem Leben auf. Der in baumwollweiche Bewegungen versteckten, „eisernen“ und blitzschnell zupackenden Hand („mian zhang“) würde sein in unendlich erscheinender Freundlichkeit und Sanftheit verborgener starker, unnachgiebiger Wille entsprechen, ebenso wie seine Neigung, sich hinter einer dicken Wolke von Vorsicht und vermeintlicher Unentschiedenheit oder Unwissenheit stets ein paar Optionen offen zu halten. Sein flexibler Realitätssinn und unverkrampfter Pragmatismus wie auch seine Ablehnung von Sentimentalität und weitläufigen Spekulationen würden sich in den kurzen, wendigen Schlägen („duan da“) voller Spannkraft und Elastizität spiegeln.
Natürlich findet sich in diesem Meister auch viel „Taizu chang quan“ (太祖长拳), ein wenig „Fliegende Nadel“ (飞针), eine große Portion „Luohan quan“ (罗汉 拳), eine unbekannte Menge „Xinyiba“ (心 意 把) und vieles, vieles mehr. Nur, welches Kungfu könnte seine immer wieder verblüffende Sensibilität beschreiben, welches seine Großherzigkeit und welches dieses innere Strahlen, das ihm viele Jahre lang zu eigen war …. ?


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Das Feature "Shi Yankai, Nachfolger des Shaolin-Kungfu" 
(mit einer zunehmend verzückten Interviewerin  und fachmännischen Kungfu-Erläuterungen):




Kleine Sammlung weiterer Filmclips zum Kungfu von Shi Yankai:



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*1 -- Gemäß den eigenen Angaben von Shi Yankai. Divergierend hierzu ist in offiziellen Quellen oft das Jahr 1984 als Geburtsjahr angegeben (z.B. Ordinationsbuch des Shaolin-Klosters zur Ordinationsversammlung 2010)
*2 --  Zitat aus: http://0371.pway.cn/mlxc/dongtai/200907/mlxc_6074.htm


Foto(1): Shi Yankai in Berlin, Sommer 2006 - Copyright © Ulli Rüssel 2012, Veröffentlichung mit seiner und Shi Yankais freundlicher Genehmigung.


Die Inhalte dieses Artikels wurden von mir nach bestem Wissen und Gewissen auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft und erstellt, ihre Veröffentlichung erfolgt mit der Zustimmung von Shi Yankai. Text und Fotos des Artikels sind urheberrechtlich geschützt, eine Wiederveröffentlichung (komplett oder auch nur in Teilen ) ohne die ausdrückliche, schriftliche Erlaubnis von Shi Yankai wird in jedem Fall rechtlich verfolgt.

15.08.2012 / Copyright © yss
Letzte Änderung: 28.05.2014











Ein neues Buch: 
„Die Shaolin Mönche“ 
von Sabine Kress und Felix Kurz


Ein Buch mit dem schlichten Titel „Die Shaolin Mönche“. Das Titelbild: der Kampfmönch Shi Yanbo in Aktion,- ein meisterlicher Sprung, ein gelungenes Foto. Der Inhalt: 13 Kapitel über einzelne Mitglieder der Mönchsgemeinschaft (Shi Xiaosong, Shi Yankai, Shi Yanzhuang, Shi Yanlin, Shi Yanyong, Shi Xingci, Shi Xingzhen, Shi Yongxin, Shi Yongqian, Shi Yongpo, Shi Yongliao, Shi Yongzeng, Shi Yongfu) desweiteren ein Vorwort von Shi Yongxin, dem Abt des Shaolin-Tempels und je ein Kapitel über die Gruppe der Kampfmönche und das Klosterleben.

Die Idee, in kurzen, leicht lesbaren  Geschichten über einzelne Mönche einen persönlichen Einblick  in das Leben der Mönche des Shaolin-Klosters zu geben und gleichzeitig einen Gesamtüberblick über die Vielfalt der Mönchsgemeinschaft zu gewähren, wurde von chinesischsprachigen "Vorgängern" übernommen. Es gelingt dem Autor, Felix Kurz, mit einer einfachen, lebendigen Sprache in die verschiedenen Lebensweisen der Mönche und ein wenig in deren mitunter schwer zu vermittelnde buddhistische Inhalte einzuführen. Der Text ist von Respekt gegenüber den Mönchen gekennzeichnet, wie auch vom steten Bemühen, ihr Denken und ihre Situation in der komplexen klösterlichen Welt des Shaolin-Tempels zu verstehen. Die Auswahl der Mönche fiel bestimmt nicht leicht, gibt es doch viele interessante Charaktere und Lebensgeschichten im Kloster. In ihrer Gewichtung entspricht sie der gegenwärtigen Situation, zeigt klar die verschiedenen Möglichkeiten, die den Mönchen in der Wahl ihrer klösterlichen Lebensform offenstehen und die daraus resultierende Vielfältigkeit des Lebens im Shaolin-Tempel. Ursprünglich wurde der Text bei einer zweiten Besuchsreise mit dem Kloster abgestimmt, um Fehlinformationen zu vermeiden; Korrekturen sollen jedoch auf Wunsch des Klosters nur in der chinesischen Ausgabe des Buches erfolgt sein.

Zahlreiche großformatige Fotografien von Sabine Kress komplettieren das Buch. Sie vermögen nicht nur, das Geschriebene einfühlsam zu verdeutlichen, sondern sie  stehen durchaus auch für sich selbst. Manche der Fotos sind einfach wunderschön. Ungekünstelt und direkt geben sie die Schlichtheit und Natürlichkeit des Mönchslebens wieder und sind trotzdem von einer Ästhetik, die dem Buch einen „Hauch von Noblesse“ verleiht. Ob rasante Kampfkunst-Aktion, die kontemplative Stille einer Qigong-Übung, die Heiterkeit eines von Kindern umzingelten Abtes, die Würde eines hochbetagten Mönches oder das eifrige Anfertigen von Kräutermedizin, alles erhält den ihm entsprechenden bildlichen Ausdruck in der gegebenen oder gewählten Situation, bei manchmal recht schwierigen Lichtverhältnissen.  Neben einigen Mitgliedern der Klosters, die sich sehr gern fotografieren lassen, und vielen, die dem Fotografiert-werden indifferent gegenüber stehen, werden auch Mönche gezeigt, die im Allgemeinen die Öffentlichkeit scheuen und sich jeder bildlichen Darstellung verweigern. So lässt sich das Buch auch als ein in Deutschland einzigartiges fotografisches Werk über die Mönche des Shaolin-Klosters ansehen.

Ein Mensch muss hier noch Erwähnung finden: Dr. Dingding, der seit vielen Jahren unermüdlich  „hinter den Kulissen“ für das Wohl des Shaolin-Tempels arbeitet. Er ist der Vordenker, Initiator, Vermittler und geduldige Problemlöser, ohne den dieses Buch wohl nicht entstanden wäre.

„Die Shaolin-Mönche“ ist am 12. April im Buchhandel erschienen. Es ist sicher nicht nur für viele deutschsprachige Shaolin-Begeisterte das Buch des Jahres, zumal es auch in chinesischer Übersetzung veröffentlicht wurde. Eines wird jedoch viele Schüler in Deutschland ganz besonders erfreuen: das ausführliche Kapitel über Meister Shi Yankai mit dem Titel "Man muss einen starken Willen haben"!


„Die Shaolin-Mönche“
Fotografien: Sabine Kress
Text: Felix Kurz
Mit einem Geleitwort von Shi Yongxin, dem Abt des Shaolin-Klosters
2012, Edition Braus, ISBN 9783862280322
http://www.editionbraus.de/Neuerscheinungen/Die-Shaolin-Moenche::117.html


Foto: © copyright by Edition Braus/Sabine Kress, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Edition Braus
31.03.2012 - yss

Letzte Änderung: 16.08.2012/ yss


„Shaolin in meinem Herzen“  von Shi Yongxin

少林寺方丈 释永信   „我心中的少林“

(1)

„Shaolin in meinem Herzen“ („我心中的少林“)
von Shi Yongxin (释永信), Abt des Shaolin-Tempels, China,
Shanghai Fairview Presseartikel  上海锦绣文章出版社,  August 2010
ISBN: 9787545207408
Preis in China: 39 Yuan*
Englischer Titel: "Shaolin Temple in my Heart"


Im August 2010 veröffentlichte Shi Yongxin, der Abt des Songshan-Shaolin-Tempels in China, das Buch „Shaolin in meinem Herzen“. In 25 Kapiteln erzählt er seine Erlebnisse, Einsichten und Ansichten zum Thema Shaolin. Der Themenkreis umfaßt sein Noviziat, den Abt Xingzheng, die Shaolin-Kampfkunst, den Besuch Vladimir Putins, die Beziehung des Shaolin-Tempels zum Ausland, die Ausübung des Chan-Buddhismus im Tempel u.v.m.

Seit Jahren erntet Shi Yongxin für sein sehr geschäftsorientiertes Management des Shaolin-Tempels von vielen Seiten harsche Kritik und den Vorwurf, den Shaolin-Tempel von einer religiösen zu einer rein kommerziellen Institution degradiert zu haben. Weithin ist er als „Shaolin-CEO-monk“ (gleichbedeutend mit „Shaolin-Geschäftsführer-Mönch“)  bekannt.   Shi Yongxin selbst fühlt sich in dieser Hinsicht eher mißverstanden. Er propagiert den Buddhismus als einen Teil des weltlichen Lebens und sieht den Sinn seines Handelns darin, durch die Vermischung von Shaolin und Gesellschaft mehr Menschen zu ermöglichen, den Buddhismus zu verstehen und an ihm teilzuhaben.

Mit seinem Buch „Shaolin in meinem Herzen“ gibt Shi Yongxin der Öffentlichkeit einen Einblick in seine persönliche Beziehung zum Shaolin-Tempel. Eine Auseinandersetzung mit dem Bild, das er von sich und dem Shaolin-Tempel aufzeigt, ist für jeden, der sich ernsthaft für den Shaolin-Tempel und die Vertreter seiner "Kultur" interessiert, von Nutzen. So mag das Buch auch die Entscheidungen und Handlungen des Abtes in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Erfreulicherweise sind 18 Kapitel des Buches in verkürzter Form frei zugängig auf verschiedenen Webseiten im chinesischen Internet veröffentlicht und können somit von jedermann unentgeltlich gelesen werden.
Bis 2013 waren noch keine englisch- oder gar deutschsprachige Übersetzung des Buches veröffentlicht; die Übersetzungen des Buches in beide Sprachen war jedoch von Shi Yongxin in Auftrag gegeben worden. Das Erscheinen der deutschen Übersetzung auf dem Buchmarkt war ursprünglich für Frühsommer 2011 geplant, scheint sich jedoch erheblich zu verzögern. Die englischsprachige Übersetzung ist seit dem Sommer 2013 fertiggestellt und als Buch herausgegeben. Es wird von Shi Yongxin schon eifrig als Präsent verteilt,- so z.B. im Rahmen seiner USA-Reise zum 1. Nordamerikanischen Shaolin-Kulturfestival-, ist jedoch im Buchhandel noch nicht erhältlich.

Hier folgt nun - ehemals als "Appetithäppchen" gedacht - ein kurzer Auszug des Buches in deutscher Übersetzung: die im Internet veröffentlichten Teile des Kapitels „Mein Meister, der Abt Xingzheng“. An manchen Stellen der Übersetzung wurden in Klammern und in Kursivschrift so kurz wie möglich gefasste Erläuterungen angefügt. Diese sind nicht Teil des Original-Textes, sie sollen ausschliesslich einem besseren Verständnis des Textes dienen. Die erste Hälfte des Kapitels bezieht sich vornehmlich auf die Zeit von Anfang bis Mitte der 80er Jahre des 20. Jhds., als - noch recht zaghaft - der Buddhismus in China wiedererwachte, der Shaolin-Tempel noch unter Fremdverwaltung stand und über nur geringe finanzielle Mittel verfügte und sich Shi Xingzheng als Abt des Tempels öfters in die Kreisstadt, Provinzhauptstadt und in die Hauptstadt des Landes begeben mußte, um dort in politischen Kreisen für  Anerkennung, Selbständigkeit und Unterstützung des Shaolin-Tempels zu kämpfen ...



Mein Meister, der Abt Xingzheng

Aus dem Buch „Shaolin in meinem Herzen"
von Shi Yongxin, Abt des Shaolin-Tempels, China 
(2)


    Mein Meister, der Abt Xingzheng, war ein großartiger Mensch. Im  Alter von 6 Jahren ging er ins Kloster, mit 9 Jahren verlor er auf beiden Augen die Sehfähigkeit. Wenn ihm jemand gegenüber saß, konnte er nicht dessen Gesicht, sondern nur seine ungefähren Konturen erkennen. Mit solch einer körperlichen Beeinträchtigung den Shaolin-Tempel mit seinem ganzen  Ausmaß an Angelegenheiten zu leiten, war natürlich nicht leicht.

      Da sich das Kloster damals in einer wirtschaftlichen Notlage befand, wollten der Abt und ich, wenn wir in die Kreisstadt Dengfeng gingen, die drei Jiao fünf Fen (*chin. Geldeinheiten) für  Fahrscheine nur ungern ausgeben. In aller Frühe kletterten wir in der Nähe des Shaolin-Tempels auf einen der mit Zement, Ziegeln, Sand oder Holz beladenen Karren, der sich  schwankend und schaukelnd mit uns in Richtung Dengfeng begab.
Ging es weiter weg (gemeint ist Peking), kauften wir uns vor der Abreise etwa 20 große Sesambrötchen, die wir bei uns trugen, um den Hunger zu stillen. Trafen wir auf dem Weg auf eine Teestube, tranken wir dort eine große Schüssel Tee, die zwei Fen kostete. An unserem Ziel angekommen, schliefen wir häufig in einem Badehaus. Kamen wir jedoch zu spät, konnten wir dort nicht mehr übernachten. Da wir aber nur ungern ein Hotel nehmen wollten, schliefen wir dann direkt in den Sitzbänken des Bahnhofs, unsere Körper notdürftig eingehüllt. Als Betreuer des Abtes erschien mir, der ich damals noch ein „kleiner Mönch“ (Novize) war, das ziemlich seltsam und schon gar nicht standesgemäß. Auf dem Bahnhof gab es ein reges Kommen und Gehen, es war kalt und es war unordentlich. Ich konnte weder richtig sitzen, noch stehen oder schlafen und fühlte mich im Grunde meines Herzens recht misslich. Eigentlich hätte man ein wenig Geld für eine einfache, etwas bescheidene Herberge ausgeben können, dann wäre es schon gegangen, aber der Meister  lehnte das ab. In meinem Herzen nistete zwar der Ärger, doch weitaus größer war meine Achtung vor dem Meister.

      In jener Zeit gab es gegenüber der Pekinger Buddhistischen Vereinigung Chinas eine Badeanstalt, in dem man für einen Yuan (chin. Geldeinheit) ein Bad nehmen und übernachten konnte. Fuhr der Meister  nach Peking, wohnte er immer dort, und nachdem einige Jahre vergangen waren, war das gesamte Personal der Badeanstalt mit meinem Meister vertraut. 1985 hatte der Shaolin-Tempel Einnahmen durch Eintrittskarten. Ich sah den alten Abt im Vergleich zu früher viel mehr Geld mit sich nehmen, wenn er ausging, und nahm an, er würde sich ein kleines Hotel zum Übernachten suchen. Als wir dann einmal nach Peking kamen, dachte ich nicht, dass der alte Abt weiterhin die Badeanstalt aufsuchen will. Obwohl er nicht sehen konnte, war er schon sehr erfahren darin, sich an Straßennamen zu erinnern. Der Meister hieß mich gehen und diese Badeanstalt suchen. Er sagte mir: „Du gehst aus dem Bahnhof heraus, fährst einige Straßen weit mit dem Bus bis zu jenem Ort, und da und dort gibt es diese und jene Schilder und Wegweiser“. Ich konnte ihn schwer zurückweisen und hatte keine andere Wahl als  loszugehen. Doch um den Meister dazu zu bringen, zum Übernachten ein kleines Hotel aufzusuchen, sagte ich ihm nach meiner Rückkehr: „Meister, das Badehaus wurde schon abgerissen, das gibt es nicht mehr.“ Von da an begann der Meister, zum Übernachten in ein kleines Hotel zu gehen und nur noch selten in Badeanstalten zu schlafen. Damals hatte der Shaolin-Tempel jedes Jahr schon einige Zehntausend (*Yuan, chin. Geldeinheit) an Einkommen.
      

     1983 (* eigentlich am 8.11.1982) proklamierte das Bauministerium die erste Reihe von Nationalparks  (* 国家重点风景名胜区  Guojia Zhongdian Fengjing Mingshengqu  oder 国家级风景名胜区 Guojia Ji Fengjing Mingshengqu = Nationales Gebiet von landschaftlichem und geschichtlichem Interesse); die Song-Berge sind der erste unter den 36 Nationalparks Chinas. Der Shaolin-Tempel (* der in den Song-Bergen liegt) wurde vom Ministerium für Denkmalschutz nicht dem Bereich der Religion zugeordnet, sondern dem der Nationalparks (*also der touristischen Sehenswürdigkeiten). Vom Nationalpark wurde ein Shaolin-Tempel-Verwaltungsbüro gegründet, doch das was man dem Shaolin-Tempel hätte geben sollen (* die Selbständigkeit), wurde nicht gegeben. Eine tatsächliche Umsetzung der Religionspolitik (* gesetzlich war die Religionsfreiheit hinsichtlich der Ausübung von Religion im chinesischen Kommunismus nie abgeschafft worden, selbst nicht zur Zeit der Kulturrevolution) wurde nicht wirklich erreicht.

      So nahm uns der alte Abt viele Male mit zum Amt für die Einheitsfront der Region Kaifeng, zum Amt für die Einheitsfront des Provinzparteikomitees der KPC (Kommunistische Partei Chinas), zum Amt für die Einheitsfront des Zentralkomitees der KPC, zum Staatlichen Amt für Religiöse Angelegenheiten und zur Buddhistischen Vereinigung Chinas,- und wir erledigten unsere Arbeit. Sie bestand darin, zu fordern, dass die Mönche selbst das Kloster verwalten und zu verlangen, daß das Recht, den Verkauf von Eintrittskarten zu betreiben, von der Kulturbehörde auf die Mönche übertragen wird.

      Da zu dieser Zeit die Religionspolitik wirklich nicht sehr klar war,- das „linke“ Denken war noch verhältnismäßig  üblich,- ging ich oft mit dem Abt zu den Gesprächen (* „Selbstkritik-Gespräche“), zu denen wir aufgefordert wurden. Sogar in unserem Dorf gab es vereinzelt einflussreiche Leute, die uns (*aufgrund der Bemühungen um die Selbständigkeit des Klosters) nötigten und androhten, uns nach dem Gesetz bestrafen und  inhaftieren zu wollen.


      Ein auf beiden Augen nahezu blinder alter Mönch, in Begleitung von mir 17 - 18 Jahre altem Novizen, wandte sich, um die Religionspolitik in die Tat umzusetzen, wieder und wieder an die Obrigkeit in Peking und forderte für die Mönche des Shaolin-Tempels die Selbstverwaltung des Klosters. Der Meister vertrat die Ansicht, die Politik des Landes sei dabei, sich zu bessern, aber nun wollte er auf dieser Basis lieber die gerade günstige Gelegenheit ergreifen. Einerseits strebte der alte Abt nach der Unterstützung aller Leitungsebenen, andererseits wollte er stets gegenüber der Politik der Zentralregierung und des Landes Frieden und Übereinstimmung aufrecht erhalten und mehr noch die Gesetze achten und befolgen.
 
      Letztendlich zahlte sich die Arbeit aus, letztendlich überredeten und bewegten wir die Führung. Der Panchen Lama apellierte für uns an den Nationalen Volkskongress. Der alte Herr Zhao Púchu vertrat unsere Sache auf der Generalversammlung des Nationalen Fakultativkomitees, und auch die Dharma-Meister Júzàn und Zhengguo legten viele gute  Worte für den Shaolin-Tempel ein.

       In den Tagen und Nächten, in denen ich meinen Meister begleitete, wurde mir schon bewusst, dass der Meister einen Plan im Kopf hatte: die Wiederherstellung der religiösen Tradition, die ein Jahrzehnt lang Unheil und Zerstörung erlitten hatte, und die Entfaltung ganz normaler religiöser Aktivitäten.


 
       Der alte Abt war sowohl weise als auch beherzt. Wenn es um die Wiederherstellung und Entwicklung des Shaolin-Klosters ging, hatte er vor nichts Angst. Manche Leute verwenden (die Worte) „Geist eines Bodhisattva und Mut eines Tempelwächters“, um den alten Abt zu beschreiben.  Die Alten im Tempel sagten zu mir: Weißt du, wenn er nicht gewesen wäre, dann gäbe es keinen Pagodenwald mehr. Damals brachten die Roten Garden Sprengstoff zum Pagodenwald, um ihn in die Luft zu jagen. Er trat als Erster vor und spielte mit den Roten Garden um sein Leben, in dem er mit lauter Stimme sagte: „Wenn ihr den Pagodenwald sprengen wollt, dann müsst ihr zuerst mich wegsprengen.“ Letztendlich sind dann die Roten Garden erschrocken davongegangen, und der Pagodenwald wurde nicht gesprengt. Die besten Kulturgüter des Shaolin-Tempels, Buddhastatuen und die Bücher mit den Sutren, wollten die Roten Garden wegnehmen,- er trat vor sie hin, hielt sie auf, und die verehrten Bronzestatuen wurden nicht weggeschleppt. Die Roten Garden nahmen eiserne Harken und wollten die Wandgemälde des Tempels herunterkratzen. Wieder war er es, der sich vorwagte und sie davon abhielt.
Wer kann sich das vorstellen: die Wandgemälde, die Sutren, die Buddhanstatuen, der Pagodenwald des Shaolin-Tempels, alle sie gibt es noch, nur weil ein alter Abt, dessen beide Augen kurz vor der völligen Erblindung standen, sie unter Einsatz seines Lebens schützte? Sein Beitrag für den Shaolin-Tempel war jenseits des Gewöhnlichen. Auch schaffte dies eine solide Basis für den Wiederaufbau des Shaolin-Tempels.

       Das Leben des alten Abtes war gewiß nicht leicht. Man kann sagen, hätte es ihn nicht gegeben, gäbe es auch keinen heutigen Shaolin-Tempel, wäre er nicht gewesen, dann wäre vielleicht die Geschichte des Shaolin-Tempels abgebrochen. Gerade weil es ihn gab, war dem Shaolin-Tempel , obwohl er die schwierigsten Zeiten sah, eine komplette Fortsetzung der Tradition möglich, einschließlich dem Puls des Dharma, dem Stammbaum, der geschichtlichen Literatur, der Gebäude etc. Der Verdienst des alten Abtes war sehr, sehr groß.

       Ich bin zutiefst von ihm beeindruckt, im Grunde meines Herzens ist er für immer ein Würdenträger in der Geschichte des Shaolin-Tempels wie es ihn selten gibt. Oft gehe ich zum Pagodenwald, dort ist mein Meister beigesetzt …..

       Jetzt habe ich so viel über die Geschichte meines Meisters erzählt, es kommt ganz aus dem Innern meines Herzens. Mir bleibt nicht mehr, als zu sagen: der Meister lehrte mich nicht nur wie man Leid erträgt und wie man sich wie ein Mensch benimmt,- jede seiner Bewegungen und Handlungen ließen mich mehr verstehen: Nur durch Entwicklung erlangt man einen Status, nur durch Entwicklung erlangt man Einfluß, nur durch Entwicklung ist der Shaolin-Temple würdig, die Bezeichnungen „Heiliges Land des Buddhismus“ und „Ursprungsstätte der Chan-Sekte“ zu tragen.

       Alles, was ich heute tue, geschieht aus dem Grund, den letzten Willen meines Meisters wahr werden zu lassen.

       1500 Jahre Shaolin-Tempel sind schon vergangen. Die  künftige Entwicklung wird auch nicht immer reibungslos verlaufen, doch wenn ich daran denke, daß mein Meister für den Aufschwung des Shaolin-Tempels keinerlei Rücksicht auf sein eigenes Leben genommen hatte, wovor sollte ich mich dann fürchten?

 

Originaltext: 

我的师父行正方丈

      我的师父行正方丈,是个了不起的人,6岁出家,9岁双目基本失明,对面坐着个人,只能看到个大概的轮廓,看不清脸面,不知道是谁。这样的身体,要主持少林寺大小事务,当然不易。
      由于当时寺院经济困难,我和老方丈去登封县城,三角五分的车票也舍不得花,一大早爬上少林寺周边拉水泥、拉砖、拉沙子、拉木料的货车, 晃晃荡荡地朝登封赶去。出远门,我们在出发前买上二十几只登封的大烧饼,随身带着充饥,在路上遇到茶馆,就喝那种两分钱的大碗茶。到了目的地,经常睡澡堂 子,去晚了,连澡堂子都住不上,旅馆又舍不得住,就直接在火车站的躺椅上身子一裹就睡了。作为侍者的我,当时还是个小和尚,有点不习惯,更有点放不下架 子,车站里人来人往,又冷又乱,我真是坐也不是,站也不是,睡也不是,心里很别扭。其实住稍微差一点的旅馆花个几块钱就可以了,但师父就是舍不得,我心里 面虽然也很窝气,但更多的是对他的敬佩。
      当年,北京的中国佛协对面有家澡堂子,连洗澡加睡觉总共才花一块钱,师父去北京,都是住在那里,几年下来,澡堂子的工作人员都和我师 父熟悉了。1985年,少林寺有了门票收入,我见老方丈出门身上带的钱比以往多了,就想找一家旅馆住。到了北京后,没想到老方丈还是要去找澡堂子。他虽然 眼睛看不见,但他已经把路记得很熟了,师父让我去找这家澡堂子,他对我说,你从火车站出去,坐几路车到什么地方下,有什么招牌指示,我难以拒绝只得去了。 但为了让师父去住旅馆,我回来对他说:师父,澡堂子已经拆了,没有了。从那以后,师父才开始少住澡堂子,去住旅馆。那时的少林寺每年已经有十几万的收入 了。
      1983年建设部公布了第一批国家级风景名胜区,嵩山是中国最早的36家国家风景名胜区之一。但是,文物部门没有把少林寺交给宗教界,而是划拨给风景名胜区了,风景名胜区成立了一个少林寺管理处,该给少林寺的却没给,没有做到真正落实宗教政策。
      于是,老方丈就带着我们多次到开封地区统战部、省委统战部、中央统战部、国家宗教局、中国佛协去做工作,要求僧人管寺,要求把门票的经营权等从文物部门移交给僧人。
      那时,正因为宗教政策不是很明朗,“左”的思想还比较盛行,我跟着老方丈多次被叫去谈话,甚至还被村里个别有势力的人要挟,扬言要把我们法办、拘留。
      一个双目失明的老和尚,带着我这个十七八岁的小和尚,为落实宗教政策,要求少林寺僧人自主管庙,一次又一次去北京上访。师父认为,国家 的政策在好转,但基层还是要抓住机遇才对。老方丈一方面争取各级领导的支持,另一方面始终和中央、国家的政策保持一致,在法律上更要遵纪守法。

      最终,工夫不负有心人,我们终于说动了领导,班禅大师在全国人大替我们呼吁,赵朴初老先生在全国政协大会上替我们呼吁,还有巨赞法师、正果法师,都帮少林寺说了不少话。
在陪伴师父的日日夜夜中,我已感悟到师父心中有一张蓝图,那就是恢复被十年浩劫破坏了的宗教传统,开展正常的宗教活动。

      老方丈既智慧又勇敢,为了少林寺的恢复和发展,他什么都不怕。有人用“菩萨心,韦驮胆”来形容老方丈。寺庙里的老人对我说:你知道吗, 没有他,就没有塔林。
当年红卫兵带着炸药要把塔林炸掉,他第一个站出来,跟红卫兵玩命,大声说道:“若要炸塔林,先把我炸了。”结果,把红卫兵吓跑了,塔 林没炸成。少林寺的一批文物、佛像、经书,红卫兵要拿走,他站出来顶住,几尊铜像都没被拉走。红卫兵拿铁耙子,要把寺庙的壁画搂掉,也是他站出来挡住了。 谁能想象,少林寺的壁画、经书、佛像、塔林,都是双目几近失明的老方丈拼了命保护下来的?他对少林寺的贡献非比寻常,这也为少林寺的复兴奠定了坚实的基 础!

      老方丈的一生,确实不容易。可以说,没有他就没有少林寺的今天,没有他,少林寺的历史可能就会断代。也正因为有了他,少林寺即使在最困难的时期,也得到了完整的传承,包括法脉、世系、历史文献、建筑等,老方丈对少林寺的贡献很大很大。


      我受他的影响很深,在我心中,他永远是少林寺历史上不可多得的高僧。我经常去塔林,那里安葬着我的师父……

      说了这么多关于师父的事,是完全发自我内心的,我无非是想说:师父不仅教我怎样吃苦,怎样做人,他的一举一动更让我感悟到,唯有发展,才有地位;唯有发展,才有影响;唯有发展,才配得上少林寺这个佛教圣地、禅宗祖庭的称号。

      我今天所做的一切,都是为了实现师父的遗愿。

      少林寺已走过了1500年,今后的发展,也不会平平坦坦,但只要想到师父为了少林寺的振兴,他可将自己的生死置之度外,我还怕什么?


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copyright des Original-Textes: Shi Yongxin / Songshan Shaolin si
download von: http://book.ifeng.com/lianzai/detail_2010_08/09/1912848_2.shtml
copyright der Übersetzung: yss
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Shi Yongxin und Shi Yankai
Foto 1:   Buchcover
download von: http://image4.club.sohu.com/lz_images/pic/46/0e/b444a049a0edb0e5e8bbef0336160e46.jpg
Foto 2:   Shi Xingzheng (im Vordergrund) mit drei Schülern; obere Reihe rechts außen: Shi Yongxin. 
zur Veröffentlichung erhalten von Shi Yankai
*Preisangabe entsprechend: http://book.ifeng.com/lianzai/detail_2010_08/09/1912848_0.shtml  (Aufruf am 31.01.11)

24.12.2010 - yss 
Letzte Änderung: 16.10.2013
Urheberrechtlich geschützt




"Sieben Jahre Shaolin" - Shanli



"Sieben Jahre Shaolin" ist eine Filmdokumentation über Shanli (山力), der 1998 im Alter von 16/17 Jahren von Deutschland nach China reiste und dort blieb, um erst in einer Kampfkunst-Schule und später auch bei Mönchen des Shaolin-Klosters Kampfkunst und Buddhismus zu lernen. Die Dokumentation ist oft auf Youtube als "Raubkopie" erschienen und wieder verschwunden, mittlerweile hat Shanli dort seinen eigenen Kanal, auf dem die Filmdoku zu sehen ist:

7 Jahre Shaolin 1/4
7 Jahre Shaolin 2/4
7 Jahre Shaolin 3/4
7 Jahre Shaolin 4/4

Falls die Doku trotzdem mal wieder von Youtube plötzlich verschinden sollte, hier weiterhin der link zu einer niederländischen Web-Seite, auf der er ebenfalls zu sehen ist, mit dementsprechenden Untertiteln. Ein Teil des Films ist in deutscher Sprache ...:





Und ein Bonus für alle Chinesisch sprechenden Shanli-Fans:
http://www.56.com/u11/v_NTE1MTU5NzY.html

Ein Klavierstück aus Shanlis Händen? Hier ist es zu hören: Shanli "Myself" . (Für wahre Shanli-Fans!)

Es existiert zudem eine Webseite von Shanli, über die man Kurse, Workshops und Konsultationen von ihm buchen kann. (Für noch wahrere Shanli-Fans ...)





1. Foto: copyright by Erik Klein Nagelvoort
2. Foto: Aus dem Film "Sieben Jahre Shaolin"
4.12.2010 - yss
Letzte Änderung: 30.09.2014


Shi Zhenjun   释贞俊  



„In Bewegung ist er wie eine Welle und in Ruhe wie ein Gebirge, im Aufkommen wie ein Affe und im Absinken wie eine Elster. Im Sich-Aufstellen ist er wie ein Hahn und im Stehen-Bleiben wie eine Kiefer, mit der Spannkraft wie ein Bogen und sich drehend wie ein Rad. Schnell ist er wie der Wind und kontrolliert wie ein Adler, leicht wie ein Blatt und schwer wie Eisen. „


Von den herausragenden Meistern des Shaolin-Tempels sind filmische Aufzeichnungen ihres Kungfu vor der Mitte des letzten Jahrhunderts eine absolute Rarität. So bleibt nur diese Umschreibung um eine Vorstellung von den Besonderheiten im Stil des Kungfu von Meister Zhenjun zu erhalten, dessen Lebenszeit sich über das Ende der Qing-Dynastie und den Beginn der chinesischen Republik erstreckte. Heute haben wir glücklicherweise die Mittel der filmischen Dokumentation zur Verfügung, um das Kungfu der Meister – sofern sie bereit sind, es zu zeigen – festzuhalten und eigenem Sehen und Beurteilen zugängig zu machen.




Zhenjun , mit dem weltlichem Familiennamen Li (李), wurde 1865 in dem Dorf Yuwan (玉湾村), das zum Kreis Yanshi (偃师县) chinesischen Provinz Henan zählt, geboren.  1872 gab es in Yanshi eine große Dürre, die zu einer hohen Verschuldung der Gemeinden führte und den Menschen kaum genug zum Überleben ließ. Seine Mutter schickte ihn schweren Herzens aus dem Haus und brachte ihn zum „Kloster der Steinsenke“ (石沟寺shigou si), um ihn dort als Schüler in der Obhut des Dharmameisters Chúnyang (淳阳法师) zu lassen. Dieser gab dem kleinen Novizen den Namen Zhenjun. 1879 kam Zhenjun zum Shaolin-Kloster und bat den Großmeister Jiran (寂然, 号晓空) als sein Schüler Kungfu lernen zu dürfen. Er übte fleißig die Faustformen Dahong Quan  (大洪拳), Tongbi Quan (通臂拳), Pao Quan (炮拳), Xinyiba (心意把) und zahlreiche Waffenformen wie den Bronze-Hammer (铜锤 tong chui), die Mondsichel-Schaufel (月牙铲 yueya chan) den Doppelhaken (双钩 shuang gou), den Frühling-Herbst-Säbel (春秋大刀 chun qiu dadao), die Neungliedrige Peitsche (九节鞭 jiu jie bian), die 3 Meter lange Schnurpeitsche (绳鞭 sheng bian) u.v.m. Zudem meisterte er Qigong (气功), die „Kultivierung des Qi“ und Qinggong (轻功), die „Kultivierung der Leichtigkeit“. Sein Kungfu wurde so hervorragend, daß er  Bergbäche hochfliegen, Felswände hochlaufen und sogar aus dem Stand bis zur Zimmerdecke hochspringen konnte. Die Leute nannten ihn  „Feimaotui“ (飞毛腿 ; wörtlich: fliegendes Haar Bein, im übertragenen Sinn: sprinten, jagen).  Würde er heute leben, wäre er vielleicht als Traceur eines „Shaolin parkour“ oder als „Shaolin free-runner“ bekannt …


Shi Dechan erzählte: „Einen Monat vor seinem Tod führte Zhenjun vor der Halle des Abtes die Schnurpeitsche vor. Was für Bewegungen! Was für ein „Die goldene Seidenraupe spinnt Seide“, „Die Schlange züngelt“, „Donner, Blitz und Feuer“! Den Zuschauern wurde ganz schwindelig vor Augen; sie klatschten in die Hände und jubelten. Noch während die Schar der Mönche ihm applaudierte,  hörte man wie aus einem Mund ein „Aaaaah“: Zhenjun war bis oben an den Dachfirst der Abthalle gesprungen. Die Mönche und Pilger waren nicht wenig erstaunt und riefen  einstimmig : « Göttliche Kunst, göttliche Kunst ! ».“ 


Nicht nur Shi Zhenjuns Fertigkeiten in der Kampfkunst waren herausragend, sondern auch seine hohe Ethik; er belehrte die Mönche und Anhänger: „Jeder Shaolin-Jünger muss ernsthaft die Regeln der Kampfkunst beachten und schützen. Es ist verboten, die Schwachen geschickt zu betrügen, Schaden anzurichten, die Menschen zu behindern und zu berauben. Jeder, der diesen Vorgaben zuwider handelt, wird mit aller Härte bestraft und ausgeschlossen“.
Er schrieb folgenden Text: „Im allgemeinen betrachte ich die alten Menschen als meine Eltern, die Gleichaltrigen als meine Geschwister, die Jungen als meine Kinder. Warum sollte ich sie je verletzen?“


Sein Unterricht war sehr streng, doch liebte Zhenjun seine Schüler als wären sie seine Söhne. Bei allen Ordensangehörigen genoss er großen Respekt und Wertschätzung. Gab es im Kloster Streitigkeiten, Zank oder kleine Kämpfe, mußte man ihn nur sehen oder ihn vor Unzufriedenheit schnauben hören, dann verschwand alle Wut wie sich auflösende Wolken und  die Kontrahenten gingen eilig auseinander. Alle jene Anhänger innerhalb- und außerhalb des Klosters, die von ihm Kungfu lernten, nannten ihn deshalb den „ Vorzüglichsten Meister auf dem Altar des Kungfu“.


Zu Beginn der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts gab es vier, fünf „kleine Mönche“ (小和尚) im Tempel. „Kleine Mönche“ nannte man die Kinder, die von ihren Eltern - meist aus sozialer Not - in den Tempel gebracht wurden. Sie genossen als die „jungen Triebe“ des alten Shaolin-Tempelbaumes die besondere Beachtung und Fürsorge der älteren Mönche. Um diese Sprößlinge aufzuziehen und den damit einhergehenden Erfordernissen gerecht zu werden, wurden spezielle Meister von außerhalb in den Tempel gebeten, die sie unterrichten sollten. Einer dieser „kleinen Mönche“ war Diao Junqing ( 刁俊卿),  der schon im Alter von 4 Jahren in den Shaolin-Tempel gekommmen war und den buddhistischen Namen Xingshu (行書) erhalten hatte. Wie es dazu kam, daß er einige Jahre später von Zhenjun als Schüler angenommen wurde, ist in einer von Diao Shanduo (刁山多,Sohn des später in den Laienstand zurückgekehrten Diao Junqing) überlieferten Geschichte festgehalten:


Jener von außen in den Tempel gebetene Lehrer für die Kinder unterrichtete gleichermaßen Kampfkunst und Schrifttum. Eines Tages wollte er ausgehen und trug zuvor den „kleinen Mönchen“ auf, eine Hausaufgabe auszuführen: „In drei Tagen kehre ich zurück, jeder von euch muß bis dahin die Lankavatara-Sutra auswendig lernen.“  Nach zwei Tagen schon kam der Lehrer zurück und traf auf die Kinder, die weder Kungfu übten, noch die Sutra lernten, sondern gerade im Freien herumalberten und spielten.  Augenblicklich fing der Lehrer an, jedem der Kinder mit seinem Tabaksbeutel auf den Kopf zu schlagen, auf daß es eine „Glühbirne“ (‘电灯泡’ diandengpao) bekomme. Zhenjun, der das Ganze durch den Vorhang seines Zimmers gesehen hatte, kam heraus, hielt den Lehrer an und schaute sich das Ergebnis dessen, was geschehen war, an.
Er fragte: „Könnt ihr die Lankavatara-Sutra auswendig?“
Jeder der kleinen Mönche senkte den Kopf und schwieg, nur Xingshu sagte: „Ich kann sie auswendig!“ Zhenjun ließ ihn die Sutra aufsagen, und der Junge rezitierte sie Wort für Wort ohne einen Fehler, sodaß der Lehrer in eine peinliche Lage geriet und ganz verlegen wurde. Zhenjun sagte nur: „Dieses Kind kommt mit mir!“ Von da an folgte Xingshu Meister Zhenjun, er war damals 7 oder 8 Jahre alt.



Mit Xingshu und vier weiteren Novizen gab Shi Zhenjun 1936 anläßlich des Besuchs von General Qiang Kai-shek (蔣介石 Jiang Jieshi) im Shaolin-Tempel eine Vorführung von Shaolin-Kungfu. Während heute politische und andere Prominenz  im Shaolin-Tempel ein und aus geht, war in jenen Jahren des Bürgerkriegs das Interesse und der Besuch eines derart hochrangigen Politikers und Militärs eher eine Besonderheit.




Meister Zhenjun kannte sich nicht nur mit der Kampfkunst aus, sondern auch mit Tuina (Massage), Akupunktur und Moxa, Dianxue (Manipulation der Vitalpunkte des Körpers), Pulsdiagnose und dem Zusammenstellen von Rezepturen. Oftmals versorgte er in seinem kleinen Behandlungsraum seine Ordensbrüder, wenn sie sich beim Kungfu-Training verletzt hatten. Er verfügte über zahlreiche Geheimrezepte und stellte auch auf eigene Kosten Medikamente her. Vom Kloster aus fuhr er in alle Himmelrichtungen zu den Kranken nach Hause, wenn sie seine Hilfe benötigten. Es heißt, er habe niemals von ihnen Geschenke angenommen. Zu den von ihm verwendeten Rezepturen, die er bei Verletzungen durch Fall oder Schläge benutzte, zählte das schon von Fuyu  (福裕), dem Abt des Shaolin-Tempels zur Zeit der Song-Dynastie entwickelte „Shaolin-Geist-Pflaster“ (少林神膏  shaolin shen gao). Es wurde von Zhenjun in über 1000 Fällen angewandt und war in einem Radius von 50 km um das Kloster herum bekannt.


Als ein Kenner der drei wesentlichen Elemente der Shaolin-Kultur – Chan-Buddhismus, Kungfu und Medizin – und als einer der angesehensten und höchstgeachteten Mönche übernahm Shi Zhenjun mehr als 30 Jahre lang die Verantwortung für die Angelegenheiten des Tempels. 1939 starb er im Alter von 74 Jahren.


Neben Xingshu (行書) und Dechan (徳禅) zählten auch Sujing (素静), Suyin (素印), Suguang (素光), Sushuai (素帅) und Suzhao (素肇) sowie Zhang Guangjun (張廣俊)  zu Shi Zhenjuns Schülern. 
Shi Suguang, 1891 geboren, kam im Alter von 16 Jahren ins Kloster  zu Zhenjun und galt als ein außerordentlich begabter Schüler. Er verstarb 1917 - also schon im Alter von 26 Jahren - an einer Lungentzündung.

In besonderem Maß trauerte Shi Dechan um Shi Zhenjun. Nachdem Dechan Shi Suguang, den Meister, zu dem er als Kind gebracht wurde, durch dessen frühen Tod verloren hatte, wurde Zhenjun sein Tonsurmeister. Sein Leben lang war Dechan voller Verehrung und Bewunderung für den „Großvater-Meister“. In seiner Trauer schrieb er: „Der Ahnherr kam aus der Armut und einem Berg an Tränen.  Überirdische Weisheit öffnete ihm das Verständnis für die schwierigen Sutren. Sein tägliches Brot war hart wie 100 Tragestangen und bitter wie die Huanglian-Pflanze. Sein hervorragendes Kungfu ist unter Tausenden führend. Unzähligen Mönchen verhalf er mit seiner Medizin zur Genesung. Sein Können wird zutiefst verehrt. Seine Nachkommen versprechen, an seinem Vorbild festzuhalten …“


Shi Dechan leitete die große Zeremonie, mit der Shi Zhenjun auf einem kleinen Friedhof  ca. 1,5 km vom Shaolin-Tempel entfernt begraben wurde.


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Foto: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Shi Yongchuan

Die Inhalte dieses Artikels wurden von mir nach bestem Wissen und Gewissen auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft und erstellt. Letztendlich geben sie meine Reflektion der Dinge wieder. Quellenangaben sind auf Anfrage hin erhältlich.
25.11.2010 - yss 
Letzte Änderung: 2.12.2010
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